Die bemerkenswerten Lebensräume der „Ile du Rohrschollen“ vertrocknen zunehmend, da sie von den Hochwassern des Rheins abgeschnitten sind. Die charakteristischen Auenwälder sind bedroht. Das Projekt möchte zeigen, dass man die Funktionsweise dieses Lebensraums durch die Schaffung einer auf den natürlichen Abfluss des Rheins abgestimmten Auendynamik wieder herstellen kann.

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Bedrohung 1: Verschwinden der Pionierstadien des Auenwalds

Die Kanalisierung und Eindämmung des Rheins haben die Funktionsweise der Abflussdynamik des Flusses (pulsierender Abfluss) tief greifend durch die beträchtliche Minderung der Hochwasser (sowohl hinsichtlich Häufigkeit, der Dauer als auch der Dynamik) und der Grundwasserschwankungen verändert. Die Hochwasser, welche die Lebensräume durch die Schaffung von Sand- und Kiesbänken umgestalten und verjüngen, gibt es nicht mehr. Für die Entstehung und Entwicklung der Pionierstadien des Auenwalds gibt es heute keine geeigneten Standorte mehr, wodurch sie mittelfristig vollkommen verschwinden werden.
Seit den letzten natürlichen Hochwassern vor 30 Jahren auf der „Ile du Rohrschollen“ hat sich keine Weichholzaue mehr entwickelt. Durch die fehlenden Überflutungen verschwinden nach und nach die ersten Sukzessionsstadien.
Ohne menschlichen Eingriff wird sich diese Tendenz fortsetzen, die Pionierarten (Schwarz-Erle, Silberweide, Schwarzpappel) werden nach und nach verschwinden und die Wälder werden sich hin zu dem sogenannten Klimaxstadium des Waldes, der Hartholzaue, entwickeln.
Die Wiederherstellung der Auendynamik und des Gewässernetzes (Bauerngrundwasser und dessen Seitenarme) ermöglicht die Schaffung von sandig-kiesigen Rohböden und der Austausch mit dem Grundwasser wird wieder hergestellt. Dadurch werden wieder Grundvoraussetzungen für die Entwicklung der hygrophilen Pionierstadien des Silberweiden-Auenwalds (Salicetum albaes) geschaffen.

Bedrohung 2: Verschlechterung des Zustands der offenen Auenlebensräume sowie der Auenwälder

Die fast gänzliche Abwesenheit der Überflutungen auf der „Ile du Rohrschollen“ hat zu einer Austrocknung der Lebensräume und damit zu einer Veränderung in der Zusammensetzung der Habitate geführt. In den offenen Lebensräumen ist durch diese zunehmende Austrocknung die Natürlichkeit der Habitate verloren gegangen. Des Weiteren siedeln sich Waldarten der Auenwälder an und bedrohen die Offenhaltung der Lebensräume. Auch die Riesen-Goldrute (Solidago gigantea) bedroht die offenen Lebensräume, in dem diese invasive Pflanze andere, einheimische Krautgesellschaften des Mesobrometum erecti verdrängt.
In den Waldhabitaten führt die Abwesenheit der Überflutungen zu einer Vereinheitlichung des Waldes (Verlust des Waldmosaiks) und zu einer Abnahme seines Auencharakters. Auch der Auenwald ist einer invasiven Pflanze ausgesetzt, dem japanischen Knöterich (Fallopia japonica), der anfängt, sich an feuchten Standorten zu entwickeln.
Diese Tendenz wird sich ohne Eingriff weiter fortsetzen und dazu führen, dass die Wälder ihre Auenfunktion schließlich ganz verlieren und sich zu mesophilen Waldgesellschaften entwickeln.
Die Wiederherstellung der Überflutung der Insel ermöglicht, dass wieder eine Dynamik in die Entwicklung der Habitate kommt, wodurch Arten, die nicht an die Auendynamik des Rheins angepasst sind, verschwinden.

Bedrohung 3: Verlandung der Anbindung des Bauerngrundwassers und dessen dazugehörigen Gewässernetzes
Die Zuleitungen der Seitenarme des Bauerngrundwassers reichen nicht aus, um einen ständigen Abfluss zu gewährleisten: Die Seitenarme, die das Bauerngrundwasser speisen, verlanden zunehmend, wodurch sowohl deren ökologische als auch die hydrologische Funktion bedroht ist.
Das sekundäre Gewässernetz (Vertiefungen, Gräben, Tümpel …) wird des Weiteren nicht mehr von den Hochwassern unterhalten und erneuert: die Gefahr besteht, dass sich die oberen Bodenschichten vereinheitlichen und die tiefer gelegenen Zonen, die in Kontakt mit dem Grundwasser stehen, verschwinden.
Eine Untersuchung zu den natürlichen Lebensräumen auf der Insel zeigt ganz klar eine Entwicklung von aktiven hin zu passiven Lebensräumen, mit einem rückläufigen Anteil an aquatischen Lebensräumen (Rückgang um 2/3 der Wasseroberflächen auf der Insel zwischen 1921 und 2004). Der fehlende Austausch zwischen dem Rhein und dem Gewässersystem der Insel kann zu einer starken Eutrophierung des Bauerngrundwassers führen. Die Verlandung des sekundären Gewässernetzes trägt ebenfalls zum allgemeinen Rückgang der Rheinauen bei, indem sie direkt die Vielfalt der Habitate bedroht.
Die erneute Anbindung der Seitenarme an den Rhein ermöglicht durch den Austausch einen permanenten Abfluss in den Seitenarmen des Bauerngrundwassers. Die Wiederherstellung einer Überflutungsdynamik auf der Insel ermöglicht außerdem die Unterhaltung und Erneuerung des sekundären Gewässernetzes durch die Wiederanbindung der tiefer gelegenen Flächen.

Bedrohung 4: Verschlechterung des Austauschs zwischen dem Bauerngrundwasser und dem Grundwasser
Durch den fehlenden Abfluss verschlammt die Sohle mit Lehm und Feinsedimenten. Außerdem haben die zahlreichen Arbeiten zum Rheinausbau die Grundwasserspiegelschwankungen auf unter 50 cm reduziert. Der Austausch zwischen dem Gewässer und dem Grundwasser wird von der zunehmenden Verschlammung der Sohle und den fehlenden Grundwasseraustritten bedroht!
Das Bauerngrundwasser ist ein wenig dynamisches Gewässersystem mit stillen oder fließenden Gewässern, artenarm, trübe und eutroph, das teilweise von der invasiven Schmalblättrigen Wasserpest besiedelt ist. Der immer seltenere Austausch mit dem Grundwasser wird diesen eutrophen Charakter des Gewässers noch verstärken und zum Verlust von den anwesenden Arten und Habitaten beitragen.
Die Wiederherstellung eines ständigen Abflusses im Bauerngrundwasser sowie die Redynamisierung des Abflusses während der Hochwasser des Rheins werden dazu beitragen, die Vielfalt der aquatischen Lebensräume zu erhöhen, den Austausch zwischen Grundwasser und dem Bauerngrundwasser durch die Entschlammung der Sohle zu verbessern und die tiefer gelegenen Zonen mit Grundwasser zu speisen.

Bedrohung 5: Aussterben des Steinbeißers (Cobitis taenia) in diesem Gebiet

Die zunehmende Austrocknung der Lebensräume und die fehlende Abflussdynamik werden mittelfristig dazu führen, dass die hydrologische Funktion verloren geht und schließlich auch die für die Fortpflanzung des Steinbeißers (FFH-Art) günstigen Habitate verschwinden werden. Der Steinbeißer lebt in langsam fließenden oder stillen Gewässern mit sandiger Sohle. Tagsüber gräbt er sich dort ein und legt seine Eier im Sand oder an Wurzeln ab. Die „Ile du Rohrschollen“ hat für die Entwicklung und die Fortpflanzung des Steinbeißers günstige Lebensräume vorzuweisen: Fünf Steinbeißer wurden 2004 im Bauerngrundwasser, in der Nähe des Altrheins, beobachtet. Allerdings wurden sie nur an bestimmten Stellen und mit geringer Individuenzahl beobachtet. Die Tatsache, dass die Überschwemmungsgebiete nicht mehr überflutet werden, die Feuchtgebiete austrocknen und die Seitenarme und tiefer gelegenen Stellen verlanden, stellt einen hohen Risikofaktor für das Überleben dieser Art dar, die nur in diesem Bereich des Natura 2000-Gebiets vorkommt.
Die Wiederherstellung dynamischer Abflüsse während der Hochwasserperioden des Rheins ermöglicht die Erhaltung von für den Steinbeißer günstigen und funktionellen Habitaten. Außerdem soll eine diesbezügliche Studie ermöglichen, zusätzliche Renaturierungsmaßnahmen zum Schutz der für diese Art geeigneten Habitate zu definieren.

Fotos:
Zauneidechse © Jean-Pierre VACHER (BUFO)
Schwarzhalstaucher © Sylvain HELLIO
Kleiner Schillerfalter