Vor 1974 war der Rhein noch natürlich und der Rohrschollen bestand aus mehreren, sich ändernden Inseln: „Schollen“ bezeichnet ein höher gelegenes Gebiet, das vor Hochwassern geschützt ist, „Rohr“ bezieht sich auf das Schilfrohr.

Hier können sie die historische Entwicklung des Rohrschollens nachverfolgen.

 

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Als der Rheinauenwald noch natürlich war

Der Rhein bot damals abwechslungsreiche und vergängliche Insellandschaften, mit Inseln unterschiedlicher Größen, zwischen denen eine Vielzahl von Rheinarmen floss. Bevor der Mensch ihn bezähmte, gab es hier eine Welt in ständigem Wandel.

Jedes Jahr im Frühjahr und Sommer breiteten sich die regelmäßigen, aber von unterschiedlicher Intensität geprägten Hochwasser des Flusses in den Auenwäldern aus. Sie brachten Wasser und Nährstoffe zu einer Zeit, in der die Sonneneinstrahlung maximal war. Diese Faktoren haben zu dieser üppigen Entwicklung der Pflanzen in den Rheinauenwäldern geführt. Es handelt sich hierbei um ein auf dem europäischen Kontinent seltenes Beispiel von dichten, temperierten Wäldern.

Der Rheinausbau zur Bändigung des Flusses

Der Rhein war ein natürlicher Fluss mit verheerenden Hochwassern und stark schwankenden Abflüssen; die Landwirtschaft war unter diesen Umständen schwierig, die Schifffahrt unsicher und die Staatsgrenzen änderten sich mit dem Flusslauf. Der Mensch hat 150 Jahre gebraucht, um den Strom zu bändigen. Man unterscheidet drei aufeinanderfolgende Phasen.

Im 19. Jh. wurde unter dem badischen Ingenieur Tulla die Rheinkorrektur eingeleitet. Diese Arbeiten fanden zwischen 1842 und 1876 statt: Das Flussbett wurde in ein 200 bis 300 breites, mit Dämmen begrenztes Bett gezwungen. Das Überschwemmungsgebiet wurde von Hochwasserdämmen eingegrenzt. Durch die neue Flussführung wurden sämtliche Mäander zerstört und die meisten Altarme wurden zugeschüttet.

Die Rheinregulierung fand von 1907 bis 1956 statt und zielte darauf ab, die Tiefenerosion des Flussbetts zu stoppen und einen selbst bei Niedrigwasser schiffbaren Kanal zu erhalten: Dazu wurden entlang des Flusses Buhnen gebaut, die den Rhin in ein schlangenlinienförmiges Flussbett zwangen.

Die Kanalisierung sollte abgesehen von der Verbesserung der Schiffbarkeit und der Stromgewinnung auch die Sicherheit der Anwohner gewährleisten. Diese Phase begann 1925 durch den Bau von 4 aufeinanderfolgenden Staustufen (Kembs 1932, Ottmarsheim 1952, Fessenheim 1956 und Vogelgrun 1959). Dabei wurde 1946 den kürzlich erst gegründeten französischen Elektrizitätswerken EDF die Betreibung anvertraut. Der Rheinseitenkanal hatte auch negative Folgen: Deutschland hatte keinen Zugang mehr zum Rhein und aufgrund der schwachen Speisung des Grundwassers trockneten die landwirtschaftlich genutzten Flächen aus. Der deutsch-französische Vertrag von Luxemburg aus dem Jahr 1956 sieht neue Ausbauarbeiten in Form von Schlingen zwischen Vogelgrun und Straßburg vor. Da aber das Gefälle weiterhin zu stark war, entschieden der deutsche und der französische Staat durch das Pariser Abkommen von 1969 den Bau zusätzlicher Staustufen in Gambsheim (1974) und Iffezheim (1978).

Konsequenzen des Ausbaus auf den Rohrschollen

Nach der Rheinkorrektur besiedelten die deutschen Landwirte das trockengelegte Flussland, die sogenannten Bauerngründe. Durch die Verlandung wurde ein Teil der Insel im Westen mit dem Festland verbunden. Der Rohrschollen gehört damit zum Neuhofer Waldgebiet. Ein Jahrhundert nach der Rheinkorrektur trennt der kanalisierte Rhein den Rohrschollen vom Neuhofer Wald, womit die Insel „Ile du Rohrschollen“ entstand. Sie wird im Norden vom Umleitungswehr Kehl-Straßburg, im Osten vom Altrhein und im Westen vom kanalisierten Rhein begrenzt.

Die menschlichen Aktivitäten im 20. Jahrhundert auf der „Ile du Rohrschollen“

Dieser Wald ist 1935 1500 ha groß und ist innerhalb der Dämme überflutbar. Während des Baus des Straßburger Hafens werden jedoch im Zuge der Industrialisierung des Gebiets 400 ha zerstört. Anschließend werden weitere 400 ha zwischen 1959 und 1963 für den Bau des Ableitungsbeckens und des Wasserkraftwerks von Straßburg zerstört. Diese Arbeiten haben eine Fragmentierung des Neuhofer Waldes zur Folge, von dem ein Viertel die „Ile du Rohrschollen“ wird. Der Grundwasserspiegel sinkt um 1,20 m auf der Höhe des Ableitungsbeckens ab und der Kanal schneidet den Altrheinarm, das Bauerngrundwasser, vom Rhein ab, was dessen Austrocknung zur Folge hat (Carbiener, 2000).

Da der Lebensraum austrocknet und sich der Grundwasserspiegel senkt, haben die deutschen Landwirte Schwierigkeiten mit der Bewässerung ihres Ackerlands. Der deutsche Staat finanziert daher 1983-84 den Bau des Kulturwehrs Straßburg-Kehl oberhalb des Naturschutzgebiets zur Stauung des Rheins und einer Anhebung des Grundwasserspiegels.

Nach der Inbetriebnahme des Wasserkraftwerks Straßburg wurde die „Ile du Rohrschollen“ als Freizeit- und Erholungsort stark von der Straßburger Bevölkerung heimgesucht. Der eigentliche Rhein, nun Altrhein genannt, wurde zum Baden, zur Freizeitschifffahrt und zum Angeln genutzt. Durch seinen schwachen Abfluss entstanden oftmals riesige Kiesinseln, die es ermöglichten, zu Fuß nach Deutschland zu gehen. Am Waldrand gab es eine kleine Schenke, welche die Schiffer und Anwohner der umliegenden Viertel an den Wochenenden bewirtete. Es wurde sogar ein Parkplatz am Fuße des Hochwasserdamms angelegt. Nach der Schließung dieses Etablissement im Jahr 1980 wurde dieser Ort (alter Parkplatz genannt) bis zur Ausweisung 1997 als Naturschutzgebiet von Landfahrern benutzt.